re:publica: Wie starr dürfen/müssen Regeln im Netz sein?

Der interessanteste Vortrag am ersten Tag der re:publica kam von Jillian C. York. „Policing content in the quasi-public sphere“ war ihr Thema (hier der Link zum gleichnamigen Paper). Oder anders gesagt: Welche Regeln müssen im Netz gelten - und wann erdrücken Regeln den Content und das Potenzial sozialer Netzwerke. Ein humorvoller, sympathischer Vortrag mit spannenden Beispielen, die zum Nachdenken über das Regelwerk von Facebook, Twitter & Co anregen.

Ein Beispiel aus dem Vortrag: Pseudonyme sind auf Facebook strikt verboten, selbst Lady Gaga müsste sich bei ihrem Geburtsnamen nennen. Diese - ohnehin etwas eigentümliche - Regelung kann aber schwierig werden, wenn es sich um Aktivisten handelt, die sich mit Pseudonymen schlicht und ergreifend schützen. Jillian nannte das Beispiel von Michael Anti, eines chinesischen Aktivisten, der unter diesem Namen sogar Bücher verfasst und in den USA studiert hat. Auf Facebook jedoch wurde er von seinen Gegnern wegen des Policy-Verstoßes gemeldet - und gelöscht. Gleichzeitig gibt es auf Facebook wohl tausende und abertausende Profile unter Pseudonymen. Es sei denn, es heißen wirklich manche Leute „Santa Claus“. Oder eben „Lady Gaga“. So lange diese Profile keine größere Relevanz haben, werden sie nicht gemeldet und so natürlich auch nicht gelöscht - ein Problem wird diese Regelung also tatsächlich meist nur bei Aktivisten.

Ein Beispiel für die Tücken der Community Policies von Social Networks kann ich aus meinem Bekanntenkreis ergänzen: Paul Harfleet ist ein britischer Künstler, der mit dem großartigen „Pansy Project“, einer Aktion gegen Homophobie, einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat. Er pflanzt an Orten homophober Übergriffe Stiefmütterchen (engl. „Pansies“, was auch ein Schimpfwort für Schwule sein kann) und fotografiert sie. Die Bilder werden nach dem Übergriff benannt, können also auch mal „F*cking f*ggot“ heißen. Eine tolle, ausdrucksstarke Aktion - die auf Facebook aber offenbar von vielen Nutzern als Regelverstoß gemeldet wurde. Die Gruppe wurde gelöscht, mit einem Hinweis an Paul, dass seine Gruppe „Hate Speech“ verbreitet hätte. Absurd, da sie doch exakt das Gegenteil erreichen wollte. Es dauerte Wochen, bis die Gruppe wieder aktiv geschaltet wurde - und ohne Freunde des Künstlers mit sehr, sehr guten Facebook-Kontakten wäre es wahrscheinlich nie geschehen.

Letzteres ist ein Problem, das auch Jillian York thematisierte: Bei vielen Communities greifen Automatismen - und es gibt für normale Nutzer fast keine vernünftigen, transparenten Prozesse, um ihre Seite wieder freizuschalten. „Mediatoren“ - wie sie - mit guten Connections sind oft für die Lösung dieser Konflikte unerlässlich. Aber kann es das sein, müsste es nicht Ansprechpartner geben, die sich solchen Fällen tatsächlich annehmen? Das Problem ist natürlich die schiere Masse - um in zweifelhaften Einzelfällen tatsächlich zu intervenieren, müsste zunächst unfassbar viel gefiltert werden. Besonders spannend fand ich: Flickr hat sogar eine Human Rights Direktorin - hiermit möchte ich mich bei Gelegenheit einmal genauer befassen, was aber leider bei der schwierigen Internet-Lage in Hotel & Friedrichstadtpalast bei der re:publica gerade nicht möglich ist.

Der Vortrag wirft einige interessante Fragen auf, mit denen es sich lohnt zu beschäftigen:

Haben Wirtschaftsunternehmen wie Facebook eine politische/soziale Verantwortung, oder kann es ihnen herzlich egal sein, ob Aktivisten ausreichend geschützt sind? Dann müssten aber eigentlich konsequenterweise politische Gruppen und Aktionen vollständig untersagt werden - wenn eine Position bezieht das Unternehmen automatisch, wenn es mal löscht und mal nicht.

Wie schafft man die Gradwanderung zwischen Zensur und Schutz vor allem von Kindern & Jugendlichen (ohnehin DAS Fass ohne Boden schlechthin)? Jillian lobte den Ansatz von YouTube, bei denen Videos mit sexuellen, gewaltätigen o.ä. Inhalten teilweise nur mit Registrierung angesehen werden können. Allerdings sind mir hier auch schon oft genug Beispiels aufgefallen, bei denen offenbar Automatismen nach einer bestimmten Anzahl Meldungen gegriffen haben: Beispielsweise vollkommen harmlose Videos von gleichgeschlechtlichen Küssen in Vorabend-Serien.

Und: Wie sehen gute Community Guidelines eigentlich aus? Auf jeden Fall nicht wie die von Twitter (sind kaum aufzufinden, wenn sie jemand gefunden hat, sagt Bescheid). Und nicht wie die von Facebook (sind laut Jillian übrigens nur in 7 !! Sprachen verfügbar). Sehr schön sind aber die von Flickr.

Zu diesen Themen nach der re:publica sicher noch einmal ein paar fundiertere Gedanken. Jetzt erstmal schlafen und von funktionierendem W-Lan an Tag 2 träumen!

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Öfter mal was Neues

Man soll im Leben ja öfter mal was Neues anfangen. Habe ich dieses Jahr irgendwie auch schon, immerhin nehme ich das Projekt "Fußball Fan werden" sehr, sehr ernst. Da man das aber nicht 40 Stunden die Woche betreibt und leider auch kein Geld fürs Bepöbeln von Fußballspielern bekommt, musste auch in anderen Bereichen meines Lebens etwas Neues her. Deswegen habe ich mich - durchaus sehr schweren Herzens - dazu entschieden, nach zwei spannenden, ereignis- und lehrreichen Jahren bei achtung! dem Agenturalltag den Rücken zu kehren und was Neues zu machen.

Was genau dieses "Neue" ist, weiß ich selbst noch nicht genau - ich nutze den Luxus eines gut geölten Netzwerks und bin erstmal "Freie". Vielleicht wird das ja auch langfristig meine neue Herausforderung, vielleicht auch nicht - viele Pläne, bisher so wenig Zeit. Ich werde euch auf jeden Fall auf dem Laufenden halten und blicke gespannt, ein wenig aufgeregt und total neugierig in meine eigene Zukunft.

Bei achtung! habe ich schon am Dienstag meinen letzten Tag und nutze gerne auch dieses Format noch einmal, um mich für die tolle Zeit der letzten beiden Jahre zu bedanken. So viele großartige Kollegen, spannende Projekte und inspirierende Diskussionen hat man mit Sicherheit nicht überall, große Fußstapfen für jeden zukünftigen Arbeitgeber. Wenn sich jemand zutraut, diese Fußstapfen zu füllen, freue ich mich aber natürlich trotzdem über eine kurze Nachricht. ;-)